Sonntag, 6. Oktober 2013

Black marigolds and a silence...

"And sometimes we look to the end
of the tale that there should be
marriage-feasts, and find only, as
it were, black marigolds and a silence."

-- Azeddin el Mocadecci

Dienstag, 16. April 2013

Munich Real - Episode 01 - Wer sind Hacker?

Sie tauchen in unzähligen Action-Filmen auf, wo sie entweder die Erde retten oder (beinahe) zerstören. Auch in der wirklichen Welt polarisieren die Hacker: verschrien als Cyberterroristen, sehen sich die meisten eher als Befreier des Netzes, oder... lassen sich ihre Fähigkeiten fürstlich bezahlen. In dieser Debut-Episode begegnen wir Andi aka Wintamute und versuchen eine Stunde lang dem Phänomen Hacker auf die Spur zu kommen.


Freitag, 22. März 2013

Hazrat Inayat Khan (1882 - 1927)

"Ich habe gut und böse gekannt,
Sünde und Tugend, Recht und Unrecht;
ich habe gerichtet und bin gerichtet worden;
ich bin durch Geburt und Tod gegangen,
Freude und Leid, Himmel und Hölle;
und am Ende erkannte ich,
dass ich in allem bin und alles ist in mir."

- Hazrat Inayat Khan (1882 - 1927)



...one blow of my paw...

"There is no one in the jungle that knows that I, Bagheera, carry that mark—the mark of the collar; and yet, Little Brother, I was born among men, and it was among men that my mother died—in the cages of the king's palace at Oodeypore. It was because of this that I paid the price for thee at the Council when thou wast a little naked cub. Yes, I too was born among men. I had never seen the jungle. They fed me behind bars from an iron pan till one night I felt that I was Bagheera—the Panther—and no man's plaything, and I broke the silly lock with one blow of my paw and came away. And because I had learned the ways of men, I became more terrible in the jungle than Shere Khan."

-- Rudyard Kipling : "The Jungle Book"





Montag, 17. Oktober 2011

Zwischen Vampiren und Goblins. Auf der BuCon 2011

Vor meiner Ankunft auf der BuCon 2011 plagte mich am meisten die Frage, wer in aller Welt mich für einen Preis vorschlug, der offensichtlich für jemanden reserviert ist, der sattelfest in der Welt der Vampire, Elfen, Kobolde und - deren modernerer Zeitgenossen: der Zombies ist. Der Idee, nicht zu einer Preisverleihnug zu fahren, weil man den Preis am Ende eh nicht bekommt, wohnt oft ein gefährlicher Irrtum inne und so begab ich mich zusammen mit Anna am Ende doch in die ultimative Geek-Zone. Fazit: Es war eine gute Idee.

Tatsächlich gab es dann auch all das, was man hierbei erwartet: Feen, Vampire und Zombies. Und Vampire. Und noch mehr Vampire. Aber es gab auch Steam Punk. Und hardcore Science Fiction. Und der allgegenwärtige Geist von Wolfgang Jeschke schwebte über all dem.

Und nichts an meinen Worten ist Kritik, Vorwurf oder gar Hohn. Gerade heute brauchen wir Mythologie. Wir brauchen mehr davon. Viel mehr. Ich werde kaum jemals etwas nachhaltiges zum Thema Fantasy beitragen. Das können andere Autorinnen und Autoren viel besser. Viele von ihnen waren auch da. Meine Geschichten drehen sich weiterhin um vertraute Alltags-Themen wie Sex, Drogen und Religion. Und den Tod - die ultimative Fantasy. Doch wie eine vergessene Vorstadt-Karikatur von Philip K. Dick bin ich (wenn schon nicht der passende Leser oder Co-Autor) dennoch ein großer Fan und Befürworter dieser grenzübergreifenden und grenzüberschreitenden literarischen Sphäre. Lektionen in geistiger Offenheit und Toleranz gefällig? Fahrt einfach auf die BuCon.

Außerdem klang von allen Nominierten mein Name einem berühmten Captain am ähnlichsten. Macht das mal nach.

Am Ende ging der Preis verdienterweise an Gesa Schwartz, die mit ihrer Dankesrede alle verzauberte und in ihren Bann zog. Wer weiß, ob das Publikum nicht Teer und Federn hervorgeholt hätte, wenn es anders ausgegangen wäre? Ich hatte nochmal Glück.

Ich habe wahrhaftig keinen Grund unzufrieden sein. Da es hierzulande nur einen solchen Preis für Phantasik gibt, die Debütanten zahlreich waren und nur fünf in die engere Auswahl kamen, habe ich natürlich vor, meinen vierten Platz auf jede nur erdenkliche schamlose und der Social Media eigene Art und Weise auszuschlachten. Hier komme ich also, der viertbeste Debütant 2011 im Bereich Phantastik-SciFi-Fantasy! Isaac, Arthur, Philip und J.R.R. - ich hoffe, ihr seht zu, irgendwo aus einer transversalen Paralleldimension heraus, die wir mangels Ahnung als das Jenseits bezeichnen! Pickar out.




Notizen vom Eurotower - 15. Oktober 2011 - Nachmittag

Willy Brandt dreht sich häufig im Grabe um, bei der Vorstellung, dass die Europäische Zentralbank an dem nach ihm benannten Platz steht. Zu seiner Lebzeit wohnte im Eurotower noch eine Gewerkschaftsbank. Aber um so mehr hätte ihn sicherlich gefreut, dass sich nun mindestens vier Generationen dort versammelt haben, um gegen eine Weltordnung zu protestieren, die vom Jahr zu Jahr unerträglicher wird und nur noch wenig mit der hart erarbeiteten Real-Ökonomie des Wirtschaftswunders zu tun hat.

Am Samstag Nachmittag mochten es an die Tausend Menschen hier in Frankfurt gewesen sein. Die Intellektuellen und die Dichter und Schriftsteller haben gefehlt. So ähnelte diese Begegnung kaum den Protesten der 60er. Entsprechend war auch die Ultralinke angenehm wenig präsent. Die Menschen haben abgeschlossen mit -ismen und -isten. Das sind nur noch Etiketten, die von all jenen verteilt werden, die keine Veränderung wünschen. So gab es auch keine Entladungen der Wut oder Gewalt. Der Nachmittag ähnelte einer Beerdigung, bei der die alte, überholte Welt, mit all ihren Tricks und Heucheleien zu Grabe getragen wird. Die Blicke waren ernst, die Stirn gerunzelt. Niemand im Regierungsapparat sollte auch nur einen Hauch des Vertrauens von diesen Menschen erwarten. Weshalb auch?

Doch es zeichnete sich auch ab, dass der Effekt und der Erfolg einer solchen Begegnung am Ende von jenen wenigen abhängt, dei dort über den Samstag hinaus verharren, mit Zelten und Decken und trotz Kälte des Herbstes mit jedem weiteren Tag die nun so bitter nötige Aufmerksamkeit der Medien und Kameras auf sich ziehen.

Ich hoffe nun, dass die Menschen von Frankfurt hier weiterhin Hilfe und Solidarität zeigen. Manche können einfach einen guten Tee kochen, und andere kennen sich mit Sanitäreinrichtungen aus. In einer Stadt, in der täglich 1300 Flugzeuge landen und starten und die eine zentrale Drehscheibe für den weltweiten Monetarismus darstellt, ist es nun wichtig zu zeigen, dass es im Leben in Wirklichkeit um gänzlich andere Dinge geht.



Bilder vom Tatort: via Facebook

Montag, 20. Juni 2011

Henry Kissinger - auch Martin Lindner trommelt für den Massenmörder

Politgeschichte bizarr. Martin Lindner (FDP) evozierte gestern bei Anne Will Henry Kissinger, als den großen Friedenspolitiker: "...durch Kissinger, das ist einer der Realpolitiker, von mir am meisten bewundert... der hat den Vietnamkrieg zu Ende gebracht..."

Es ist erstaunlich, dass man diesen demagogischen Schwachsinn immer wieder hören muss. Kissinger, ein Massenmörder und Intrigant, der einen Milosevic wie einen harmlosen Chorknaben aussehen läßt, wird hierzulande sehr gerne als Friedensstifter stilisiert, ungeachtet dessen, wieviele Staatsanwälte, Autoren und Historiker weltweit seine Überweisung vor den internationalen Gerichtshof fordern.

Herr Lindner verschonen Sie uns mit diesem naiven Blödsinn. Beten Sie diesen Quatsch irgendwo leise, eingeschlossen in einem dunklen Schrank - doch ersparen sie diese Intelligenzbeleidungen der Öffentlichkeit.

Donnerstag, 31. März 2011

Alles nur Arschlöcher

Ich rege mich zu leicht auf. Ein Fehler. Vielleicht. Doch möglicherweise auch ein nützliches Warnsignal für debilen Schwachsinn, der heutzutage als soziale Norm kaschiert wird.

So demonstriert dieser Artikel, weshalb ich nur begrenzt gerne auf diesem Planeten lebe. Es scheint unser Schicksal zu sein, eine infantile Zivilisation zu bleiben und fortan zu sein. Leicht lenkbar und noch leichter ablenkbar.

Schlachtung von Kaninchen vor entsetzten Schülern
Erst wurde das Kaninchen gestreichelt, dann wurde es geschlachtet - mit diesem Projekt hat eine Schule in Schleswig-Holstein Schüler der fünften Klassen und einige Eltern entsetzt. Wie ein Sprecher des Schulministeriums in Kiel einen Bericht der "Lübecker Nachrichten" bestätigte, brachen mehrere Schüler der Gemeinschaftsschule Ratekau in Ostholstein bei der Schlachtung im Rahmen einer Projektwoche in Tränen aus.


Das Schlachten von Tieren habe in einer Schule nichts zu suchen, heißt es da weiter unten. "Wir leben heute nicht mehr in der Steinzeit", tönt der Vorsitzende des Elternbeirats. Ich weiß nicht, weshalb ich stets das Wort "Arschloch" auf den Lippen habe, wenn sich irgendein Elternbeirat zu Wort meldet.

Nun bleibt es wieder Half-Life, Doom und Counter-Strike überlassen, die Erziehung dieser Kinder zu übernehmen. Oh you stupid fucks! Fucking assholes! Fuck. Fuck. Fuck.

...

Originalartikel: http://de.news.yahoo.com/...a4484c6.html

Dienstag, 15. Februar 2011

Die Geekolution

Gideon Böss schreibt in seinem Blog, warum er Julian Assange nicht mag (http://boess.welt.de/). Obwohl die darin umrissene Meinung des Autors legitim ist und nachvollziehbar, berührt das negative Gesamturteil doch in keinster Weise die Probleme der Gegenwart. Eine Unzulänglichkeit, die nicht nur hier in Erscheinung tritt, sondern in zahlreichen Zeitungsartikeln.

Dahinter steckt eine absurde Denkformel, die ungefähr so klingt: Wie kann Julian Assange der Messias sein, wo er doch so ein Arschloch ist?

Ich weiß. Ein Strohmann-Argument. Aber sich an dieser Stelle realpolitisch zu gebärden, ist einfach nur hoffnungslos langweilig.

Julian Assange ist möglicherweise ein unsympatischer Nerd, der durch exotische Wendungen des Schicksals zu einer Kultfigur geworden ist. Nun muss jeder für sich entscheiden, ob er mit einem Assange-T-Shirt herumlaufen möchte, oder nicht.

Doch das alles spielt keine Rolle. Es ist unwichtig, ob Assange sich für den obersten Informationsverwalter hält und ob er ein netter Typ ist (einiges spricht dagegen). Menschen wie Daniel Ellsberg tauchen nicht "zufällig" an einem bestimmten Punkt der Geschichte auf. Sie sind Symptome für einen Zustand, der unhaltbar geworden ist. Für die Fäulnis unter dem Teppich.

Beseitigen wir die Fäulnis und "Whistleblower" werden unnötig. Ich brauche auch nicht einem Heroinjunkie die Schlüssel zu meiner Wohnung zu geben, während ich in den Urlaub fahre. Niemand verlangt das. Aber ich sollte ihn als ein präzises Symptom sehen, für das Gemeinwesen in dem ich lebe. Es ist Zeitverschwendung, darüber zu brüten, ob man Assange mag, oder nicht. Wichtig ist nur, dass er ebenfalls symptomatisch für eine an vielen Stellen unerträgliche Welt ist. Das Problem ist nicht Assange und sein in der Öffentlichkeit breitgekauter Charakter. Das Problem ist diese monströse Architektur aus Lügen und Irreführung, die von uns Privilegierten als "Alltag" bezeichnet wird.

Gideon Böss lässt sich über das "unbedarfte Grinsen des Soldaten" aus (gemeint ist Bradley Manning), was einem journalistischen Contenanceverlust gleicht. Denn eine Zigarre ist manchmal nur eine Zigarre. Und das hier ist nur ein Foto von einem Jungen in der Armee. Physiognomik kann schnell zum Glatteis auf Karl-May-Niveau werden. Außerdem - was wäre hierbei der Rückschluss? Dass Alfred E. Neumann ein offensichtlicher Spitzbube ist?

Relevant ist nur, dass diese Zivilisation einen Paradigmenwechsel einschlagen muss, der nicht nur die Gesellschaft verändert, sondern in erster Linie die Wirtschaft und Politik.

Die ersten Schritte hierbei sind zugleich auch die unbequemsten Schritte. Die "netten" Jungs, wie Herr Böss oder ich, sind da halt nie zur Stelle, wenn es darauf ankommt. Wir schreiben nur im Nachhinein, ob uns Assanges Frisur gefällt.

Man sollte also nachsichtig sein mit Julian Assange. Nur ein arroganter Egomane konnte soviel Chuzpe aufbringen, um ein Vehikel in Bewegung zu setzen, das so tief im Schlamm steckte.

Wir waren ja nicht da.

Freitag, 25. September 2009

Monster mit Spiegeln in den Augen

Am letzten Mittwoch (23. September) hätte ich gerne die UN-Vollversammlung besucht. Noch nie zuvor habe ich einen solchen (und zugegeben leicht ekelhaften) Wunsch verspürt, doch an diesem Tag wäre es kurzweilig und amüsant gewesen. Zwei wahre Meister der Entgleisungen, passionierte Bartträger, gelegt an den selben Tag - ein Muss für alle Eklatfans.

Und sie blieben uns beide nichts schuldig. Zuerst trat Muammar al-Gaddafi auf, der oberste Zampano von Libyen und begann die Vereinten Nationen zu zerpflücken. Leidenschaftlich bezeichnete er den Sicherheitsrat der UNO als Terrorrat und wirbelte unentwegt mit einem kleinen Büchlein herum, das sich sehr schnell als eine Kopie der UN-Charta entpuppte und im Zuge der abwertenden Gesten, an denen der libysche Revolutionsführer nicht verlegen ist, spontan eingerissen wurde. Aus den selten eingehaltenen fünfzehn Minuten Redezeit wurden castroeske 95 Minuten. Hillary Clinton verließ demonstrativ den Saal. Eine Handlung, die Gaddafis Auftritt eine zusätzliche Validät verlieh.

Am Nachmittag ließ auch die zweite orientalische Begegnung nichts zu wünschen übrig. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad trat auf und ließ eine weitere seiner bereits unzähligen Hasstiraden gegen Israel vom Zaun. Vertreter Israels sind an diesem Nachmittag lieber gar nicht erschienen. Die Zeichen und Gesten überließ man lieber den Deutschen, die dann die zentrale Aufgabe hatten, während Ahmadinedschads Rede aufzustehen und den Saal zu verlassen. Demonstrativ.

Doch zurück zu Muammar, dessen Auftritt deutlich interessanter war, als das bereits vertraute antisemitische Gekläffe von Ahmadinedschad. Es läßt den Mundwinkel zucken, wenn Männer wie Gaddafi und Castro zu sich zu Vorbildern des Paradigmenwechsels stilisieren und auf Antiglobalisierungsgipfeln Reden gegen die entfesselte Marktwirtschaft schwingen. Gaddafis Mission scheint es zu sein, jene Lücke zu füllen, die Arafat durch sein Ableben offensichtlich hinterließ und es ist befremdlich, wie oft es ihm, der den modernen islamischen Terrorismus überhaupt erst aus der Taufe hob, gelingt.

Auch ist kein Geheimnis, daß Gaddafi nur deshalb den Gastgeber UNO verunglimpfte, da die Weltorganisation seinen Antrag auf die Zerschlagung der Schweiz, den er am 2. September stellte, abgelehnt hat. Und warum wollte eigentlich Gaddafi die Schweiz auflösen lassen? Weil er wütend darüber war, daß die schweizer Polizei seinen derangierten Sohn Motassim Bilal "Hannibal" Gaddafi in einem Hotel verhaftete, nachdem er seine schwangere Freundin im Beisamen seiner Ehefrau verprügelt haben soll. Vater Gaddafi drohte mit Atombomben, die er zu seinem Bedauern nicht hatte.

Soweit die Schelte auf das Konto eines lupenreinen Diktators.

Die komische Tragik an dieser Sache besteht darin, daß alles, das Gaddafi an diesem Mittwochvormittag von sich gab, nichts als die reinste Wahrheit ist.

Natürlich hat er recht, wenn er sagt, daß der sogenannte Sicherheitsrat mit seinem Vetorecht, ein Terrorrat ist. Die fünf Vetomächte USA, Rußland, China, Frankreich und Großbritannien sind die größten Waffenhersteller und Waffenhändler auf diesem Planeten. Es gibt kaum einen Kindersoldat in Afrika oder Burma, der nicht eine Schußwaffe aus einem dieser Staaten in der Hand hält.

Das Vetorecht erlaubt diesen Ländern binnen eines Augenblicks sämtliche Resolutionen abzuschmettern, die ihrer umsatzorientierten Agenda schaden könnten. Wenn man sehen möchte, wie Menschenrechte nicht nur mit den Füßen getreten werden, sondern wie auf sie anschließend mit verhöhnendem Grinsen draufgepisst wird, muß man sich nur mit der Geschichte der UNO befassen.

Die Deutschen versuchen seit Jahren emsig in den ständigen Sicherheitsrat beizutreten. Sie betonen, daß die Greuel des Zweiten Weltkriegs nun lange zurückliegen und die Bundesrepublik schließlich eine führende Wirtschaftsmacht sei, mit einem starken demokratischen und menschenrechtlichen Portfolio.

Tatsächlich hat Deutschland in den letzten Jahren als Waffenhändler und Hersteller von Atomwaffenkomponenten derartig rasant die Marktführer aufgeholt, daß man von dieser Warte aus verstehen muß, weshalb die Deutschen auf ihr Recht pochen, bei diesem massenmörderischen Eliteclub dazuzugehören.

Die UNO ist eine der dreistesten Lügen und Heucheleien, die auf dem diesem Planeten aufrechterhalten werden. Ein Possenspiel, das nur deswegen funktioniert, da ein Großteil der Weltbevölkerung den dortigen Sitzungen und Beschlüssen keine Aufmerksamkeit schenkt und noch immer rein national denkt. Bei näherer Betrachtung fällt auch den Langsamsten der obskure Charakter dieser angeblich friedensorientierten Welt-Institution auf.

Wenn man nun im Geiste von al-Gaddafi die relativ kurze UN-Charta nimmt und durchliest, stellt man natürlich schnell fest, daß es uns als Menschheit besser dastehen ließe, die UNO sofort aufzulösen.

Es gibt keinen Zweifel an dem soziopathischen Charakter eines schimpfenden Würdenträgers wie Gaddafi. Doch die finale Frage, die interessanter ist, als Stellung zu beziehen für und wider Muammar al-Gaddafi lautet: was sagt es über uns aus, wenn es nur noch die Scheusale und Tyrannen auf dieser Welt sind, die sich wenigstens halbwegs um die Wahrheit bemühen?

Samstag, 23. Mai 2009

Der verbotssüchtige Planet

Ich habe jetzt so ein neumodisches Mobiltelefon mit vielen Tasten und breitem Display. Ich kann damit Nachrichten downloaden und eMails schreiben. Woran liegt es, dass die großen Science-Fiction-Autoren der Goldenen Ära in den Vierziegern, Fünfzigern und Sechzigern alles nur Erdenkliche in die Zukunft projiziert haben, doch kaum einer von ihnen sah Handys, Palmpilots und Notebooks voraus?

Wie auch immer - mein Handy kann auch News downloaden und so lese ich jetzt von den Bemühungen der Bundesregierung, Paintball zu verbieten.

Vorweg: ich denke die Science-Fiction-Schriftsteller hatten die Handys aus verschiedenen Gründen nicht vorausgesehen. Erstens waren die meisten von ihnen Optimisten, die gerade den Zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht haben und der Zukunft hoffnungsvoll und technologiebegeistert entgegenblickten. In so einer Stimmung phantasiert man nur nützliche futuristische Objekte und nicht ein werbeverseuchtes Stück Plastik, von dem du belanglose 140 Zeichen lange Textnachrichten darüber absenden kannst, in welchem Regal eines Supermarkts du gerade stehst. Ein SciFi-Autor ist meistens bemüht, der Zukunft eine Art von historischer Bedeutung zu verleihen. Die darin vorkommenden Objekte sind wichtig und demonstrieren Effizienz. Niemand hatte damals von diesen Autoren erwartet, dass sie sich belanglose, infantile Spielzeuge ausdenken. Wie tragisch, dass sie gerade damit den Zeitgeist der Zukunft perfekt getroffen hätten.

In diesem Zeitgeist schwebt sicherlich auch Paintball. Aber obwohl selbst kaum interessiert, sehe ich darin doch archaische Züge, die aus einer Gesellschaft zu tilgen, vermutlich einer Kastration gleichkäme. Ich behaupte, es gab schon immer Paintball - in anderen Permutationen und in anderen Zeitaltern. Antike, Mittelalter. Und oft gab es - im Gegenteil zu heute - keine Helmpflicht.

Falls ich da richtig unterrichtet bin, wurde das Verbot von der regierenden Parteikoalition angestrebt, nicht explizit von der Regierung - was für einen Unterschied das auch machen mag. Das Verbot wird ja inzwischen als gescheitert eingestuft. Es kam nach dem Amoklauf von Winnenden auf die Tagesordnung - was ein bereits vertrauter Mechanismus ist. Nach jeder schrecklichen Tat solchen Ausmaßes suchen alle nach Antworten und Begründungen - und der erste Ort zu suchen, ist stets die Biographie des Täters.

Dass derartige Untersuchungen verstörte Charaktere und psychotische Verhaltensmuster offenlegen, ist unbestritten. Aber das Verbieten von irgendwelchen Subkulturen ist hierbei deshalb der falsche Weg, weil Verbote meistens nur die Nachfrage anheizen. Man würde meinen, studierte Beamte (aka Politiker) wüßten das nach Jahrzehnte und Jahrhunderte langen Erfahrung langsam.

Ich bin nicht generell gegen Verbote, so wie ich nicht gegen Interventionen bin. Und ein Verbot ist in erster Linie eine Intervention.

Schließlich bin ich ja dafür, dass zum Beispiel Kinderpornographie verboten ist und ich habe durchaus den Glauben, dass dank der Gesetzeslage die Situation hierzulande besser ist, als sie es ohne die entsprenden Gesetze wäre.

Beim Verbot von Paintball glaube ich allerdings nicht an einen positiven Erfolg. Nur einige Kilometer hinter der Grenze zu Tschechien gibt es riesige Paintball- und Gotcha-Anlagen. In einigen kann man auch mal in einer Waffen-SS-Uniform herumtollen. Durch Verbote treibt man diesen Betreibern eine radikalisierbare Kundschaft in die Arme.

Ein Verbot ist stets eine Einschränkung der Freiheit. So simpel ist es. Doch eine grenzenlose Freiheit ist eine Illusion - zumindest so lange man eine soziale Struktur aufrecht erhalten möchte.

Ich könnte mit dem Verbot von Paintball leben. Doch dann erwarte ich auch, dass mit dem Verbot der "Verbietende" (aka "Staat") eine halbwegs glaubwürdige Garantie übernimmt, die Vorgänge, deren Ursachen da nun verboten werden sollen, auch wirklich zu vermeiden.

Doch kein Politiker würde dieses Abkommen direkt mit dem Volk treffen. Denn sie alle wissen, dass sie nach einem Verbot das Ausbleiben einer Folgetat nicht garantieren können. Sogar sie wissen, dass es da keinen echten Zusammenhang gibt und dass wieder einmal alles nur gelogen war.

Schließlich ist es eine alte Tradition vieler Politiker und Staatsmänner, die selbst kein brauchbares und originelles Konzept auf der Agenda haben, einfach etwas subkulturelles zu finden, dessen Verbot sie dann anstreben.

Oder glaubt jemand, Cannabis wurde deshalb verboten, weil die Straßen, Krankenhäuser und öffentliche Toiletten sich plötzlich mit toten Kiffern überhäuften?

Verbotswellen sind stets ein Ausdruck für die Infantilisierung einer Gesellschaft. Und ein Beweis dafür, dass wir darin versagt haben, eine Lösung an der Ursache des Problems zu finden. Da wir das Gefühl haben, dass es uns nicht gelingt, einem kleinen Kind alle Konsequenzen einer Handlung verständlich zu machen, sprechen wir ihm gegenüber radikale und imperative Verbote aus. Sehr oft in dem Geist eines späteren Verständnisses. Es ist eine typische Formulierung: "Eines Tages wirst du es verstehen und mir noch danken."

Mit der Politik und der Gesetzesgebung ist es ein wenig anders. Hier werden Verbote verabschiedet in der unausgesprochenen Formulierung: "Bald werdet ihr eh vergessen haben, warum wir es eigentlich verboten haben. Aber das ist egal, denn dann ist unsere Legislaturperiode ohnehin vorbei."

Freitag, 8. August 2008

Die Demokratie und ihre Zuhälter.

Der Siegeszug der Demokratie wird heute nicht beginnen. Denn die Demokratie trägt ihren gewohnten Halsband und ein glitzerndes Paillettenkleid ohne Unterwäsche. Ihr Gesicht ist verheult, die Knie aufgeschlagen und die Schminke verschmiert. Sie wird schluchzend durch die Metropolen dieser Welt getrieben, um Freier mit den größten Brieftasche zu finden. In dunklen Gassen kannst du sie manchmal auf ihren brennenden Knien sehen, bei unzüchtigen Handlungen mit alten Männern in Anzügen.

Daran wird auch die Eröffnung der Olympischen Spiele in Beijing, die in diesen Minuten stattfindet, nichts ändern. Eine Million Zeitungsartikel später. Eintausend Bezichtigungen des Dalai Lama, ein Separatist zu sein, später. Einhundert Hinrichtungen später. Nach einem aberwitzigen Fackellauf mit dem Olympischen Feuer, begleitet von einer Schar Bodyguards in sauberen Trainingsanzügen. Und nach dem ganze Viertel in Peking vor dem zornigen und feuchten Blick ihrer Anwohner eingerissen, zerstört und dem Boden gleichgemacht wurden. Um dort olympische Scheußlichkeiten hinzubetonieren. Um bereit zu sein für den ersehnten Medienrummel, der endlich das schiefe Bild Chinas in der Welt geradebiegen soll. Den frischen Wind in ein Jahrhundert schlechten architektonischen Geschmacks made in China bringt nun die Avantgarde, oder zumindest eine naive Interpretation davon. Zwanghaft modern und doch irgendwie kitschig, wie eine Mischung aus Spiderman-Comics und Käpt’n Iglo.

Wird es mehr Demokratie geben, mehr Freiheit, mehr Transparenz geben, wenn die Sportler und die Journalisten wieder abgezogen sind?

Als die Olympischen Spiele 1936 nach Berlin gingen, mag es solche Hoffnungen auch gegeben haben. Gerechterweise muß man sagen, daß das IOC bereits 1930 (also 3 Jahre vor dem Sieg der NSDAP) die Kandidatur Deutschlands annahm und ein Jahr später - mehr durch einen Mangel an Gegenkandidaten, als aus Begeisterung - dem Austragungsort Berlin zustimmte. Hätten sie nur geahnt, was sie da tun. Denn fünf Jahre später erstarrte beim Blick auf Berlin jedes Lächeln. Und die Nazis versäumten in der Tat keine Gelegenheit, um die Spiele als Podium für ihre Größe und Selbstherrlichkeit zu benutzen. Mit dem für das Dritte Reich so typischen Rückgrat ließen die Bonzen antisemitische Parolen aus der Stadt entfernen und auch die Pogrome wurden eingestellt. Für die Dauer der Spiele. Wie in einem teuflischen Zeichentrickfilm wurden nach der Verabschiedung der letzten Medienleute, die Schlagstöcke wieder hervorgeholt und das Inferno nahm seinen gewohnten Lauf. Übrig bleib ein epischer Riefenstahl-Film, für den die talentierte und doch so naive Leni auch noch eine Promo-Tour durch die USA machte.

Die Olympischen Spiele 1936 brachten keine Demokratie, keine Freiheit und keine Transparenz nach Deutschland. Die kam erst einen Krieg später, mit der vollständigen Entmachtung und einer zeitweiligen Militärherrschaft der Alliierten.

Die Zukunft wird weisen, zu was die obsessive Kindlichkeit des IOC, die Spiele neuerdings in kontroverse Lände und geplagte Landstriche zu platzieren, letztendlich führt.

26 Milliarden hat die Bau- und Organisationsorgie der Chinesen gekostet. Im Augenblick werden mit Kanonen Silberjodid-Salven in die verdreckten Smogwolken über der Stadt geschossen, um den Himmel während der Eröffnung schöner zu machen. Über das grundsätzliche Verhältnis der Gastgeber zur Wahrheit und Wirklichkeit ist damit sicherlich alles gesagt.

Es ist doch nur Sport.

Sonntag, 27. April 2008

Ich ward ein Twombly - für sieben Minuten

Moderne Kunst leidet oft unter dem Unverständnis des Plebses, der sich wiederholt unfähig erweist, Farbquadraten und wilden, durcheinanderlaufenden Pinselstrichen die nötige Achtung zu zollen. Doch nur weil der Text mit den Worten "Moderne Kunst leidet" beginnt, bedeutet es natürlich nicht, dass die moderne Kunst per se leidet. Sie leidet so gar nicht. Leiden tun nur Künstler, die Jahre in eine Ausbildung investiert haben, in der Absicht, sich so viel klassischer techné wie nur möglich anzueigenen, nur um herauszufinden, dass zwischen Kunstfertigkeit und Erfolg heute keine Kausalität besteht.

Ich sage damit nicht, alles, das kunstfertig oder sinnig ist, sei automatisch zur Erfolglosigkeit verdammt. Ich sage lediglich, dass zwischen Talent und Erfolg zumindest in der Welt der Leinwände kein direkter Zusammenhang besteht. Es ist gelinde gesagt ein Glücksspiel.

Da kam mir nun ein Bild von Cy Twombly über den Tisch. Es stammt aus dem Jahr 1971 und erzielte vor wenigen Jahren bei Christie's in New York einen Rekordpreis von 5.4 Millionen Dollar. Der Laie würde es sicherlich als eine lustlose Schmiererei einstufen. Und es ist sicher kein Zufall, dass ich ein Laie bin. Doch es lässt mir keine Ruhe. Ich greife selbst zum Stift und Papier und beschließe es nachzumalen. Oder - wenn Sie so wollen - etwas ähnlich geartetes zu kreiern. Natürlich habe ich für solche Experimente keine Zeit und so nehme ich mir vor, dafür nicht mehr als zehn Minuten zu investieren.



Cy Twombly: Untitled (Rome), 1971




Ales Pickar: 7 Minutes in Rome, 2008 (Variation over a picture by Cy Twombly)



Twomblys Werk trägt den Titel "Untitled (Rome)". Ich konnte mir die programmatische Provokation nicht verkneifen und nannte mein Bild "7 Minutes in Rome". Denn ich hatte die Zeit, die ich mit der Bleistiftzeichnung verbrachte, mit einer Uhr gemessen und dann am oberen Bildrand festgehalten.

Was ging in mir in den sieben Minuten vor und wie ist mein Ergebnis zu bewerten?

Vorweg gesagt: Twomblys Bild ist vielfach besser als meins. Etwas anderes ist auch nicht zu erwarten. Erstens verbrachte der Urheber des ersten Werks ein halbes Jahrhundert mit dem Auftragen derartiger Striche und zweitens hat er sicherlich (oder vielmehr hoffentlich) mehr Zeit explizit in "Untitled (Rome)" investiert, als ich in "7 Minutes in Rome".

Beim Zeichnen meines Beitrags machte ich zuerst die Erfahrung, dass es nicht so einfach und selbstverständlich ist, wie man es sich vorher einbildet. Twombly hat sicher vorab eine felsenfeste Entscheidung bezüglich des Malgeräts getroffen, während ich den erstbesten Bleistift genommen hatte, der herumlag - was sich während des Zeichenvorgangs als ein Fehler erwies. Dann zeigte sich ganz klar, dass Cy Twombly wesentlich besser die eigenen Striche verwischen kann. Ich hatte mir kurzerhand ein Taschentuch geschnappt und hielt es kurz unter den Wasserhahn. Doch der geplante, nebelartige Verwischeffekt war nicht, wie ich ihn mir erhofft habe - ebenfalls ein Ergebnis einer falschen Stiftwahl. Ich trug lieber eine weitere Schicht aus den spiralenförmigen Strichen auf. Nach sieben Minuten galt das Experiment für mich als abgeschlossen.

Ich gebe mich geschlagen. Cy Twomblys Bild ist besser. Aber verfolgen Sie doch meine Gedankengänge noch einige Augenblicke.

Sagen wir doch mal, es sei 10x so gut wie meins. Wenn seins aber bei Christie's 5.400.000 Dollar generierte, sollte es doch angehen, daß "7 Minutes in Rome" zumindest 540.000 Doller erzielt. Sogar wenn man sagen würde "Untitled (Rome)" sei 100x besser als mein Bild, was mich nun aber ein wenig kränkt, könnte ich doch in dieser Milchmädchenrechnung auf immerhin satte 54.000 Dollar spekulieren.

Sie ahnen es schon. So funktioniert es nicht. Wie haben ja eingangs gesagt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Talent und Erfolg gibt. Bei Sotheby's und Christie's wird ja nicht Kunst versteigert, sondern an Namen geknüpfte Objekte. Und zumindest an dieser Stelle besteht kein Zweifel: in der Welt der Maler habe ich keinen Namen. Armer Vincent.

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Prag - das Geheimnis in der Seitengasse


Prag, von vielen als die Goldene Stadt bezeichnet, zieht jedes Jahr über vierzig Millionen Touristen an, die alle ein kleines Stück des nach Faszination, Geschichte und Geheimnis schmeckenden Kuchens abbeißen wollen. In kürzester Zeit werden sie über Trampelpfade aus Steinpflaster gelotst, von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten - von der Prager Burg auf die Kleine Seite, über die mittelalterliche Karlsbrücke zum den jüdischen Friedhöfen und vom Pulverturm zum Wenzelsplatz. Das ständige Bad in der Menge gibt es dazu kostenlos. Über hunderttausend Besucher werden täglich von der Stadt Franz Kafkas und Gustav Meyrinks verschluckt und wieder ausgespuckt.

Doch wer das wahre Prag kennen lernen möchte, muss den Mut haben, den entscheidenden Schritt zur Seite zu tun, heraus aus dem Menschenstrom. Gerade dann zeigt sich das "Hunderttürmige Prag", wie die Einheimischen es selbst nennen, von seiner stärksten Seite. Denn oft genügen nur wenige Schritte, nur ein unauffälliges Beiseitetreten, unbemerkt schlüpfend durch den Arkadengang oder die Seitengasse hindurch, um die echten Rätsel der Stadt zu entdecken. Und ihre Fülle scheint geradezu unerschöpflich zu sein.

So braucht ein neugieriger Geist, der mit der Menschenmasse in dem berühmten Viertel Kleine Seite ("Malá Strana") angekommen ist, nur einige Dutzend Schritte entlang der Karmelitská Ulice zu gehen, um bei der unscheinbaren Hausnummer 25 den Eingang zu einem der schönsten Barockgärten Europas zu finden. Der Vrtba-Garten ("Vrtbovská zahrada") ist eine originelle und joviale Anlage aus dem Jahr 1720 - erbaut in der Enge der für die Kleine Seite so typischen Hinterhöfe. In einem derartigen Hinterhof streckt sich der inzwischen von der UNESCO geschützte Garten durch ein System aus Treppen bis zu einem der Gebäudedächer hoch, um von dort einen atemraubenden Blick über die Stadt zu gewähren. Hier wo der "Genius loci" zu Hause ist, hört man nichts von den Horden grölender Australier oder Briten. Nur manchmal trägt der Wind ihre Stimmen vom Hofplatz der Prager Burg, die hier über den Dächern der "Malá Strana" zum Greifen nahe erscheint.

Es ist typisch für Prag, dass oft nur ein Sprung genügt, um so tief in dem historischen Stadtzentrum Orte der Stille zu betreten. Dort wo das blecherne Konzert aus Polizeisirenen und Autohupen plötzlich fern und unwirklich klingt, trifft man höchstens auf verträumte Studentinnen vom Karolinum beim Lesen einer Lektüre oder auf nachdenkliche Rentner, die in Reminiszenzen schwelgen. Die Touristen behalten Prag zumeist als eine Stätte des Lärms und der Unruhe in Erinnerung. Das aber ist nicht die Absicht der Erbauer gewesen. Das wirkliche Prag ist leise und verstohlen. Es ist ein heimlicher Blick auf geronnene Zeit. Es flüstert.

Doch um dieses Flüstern zu hören, ist es zwingend notwendig, aus der lärmenden Reihe zu treten und quer zu laufen. Auf der Suche nach rätselhaft klingenden Orten wie Karlín, Frantiskanská zahrada oder Letná. Erst dann offenbart sich das Geheimnis und der Tourist wird zu einem Reisenden.

Samstag, 28. April 2007

Der träumende Mensch

Donnerstag, 18. Oktober 2001


Manche Dinge muß man einfach herausschreien. Denn über sie zu schweigen, wäre kein Eingeständnis an die mathematische Unerreichbarkeit der letzten Wahrheit, sondern lediglich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit.

Die meisten Kinder schreien bei der Geburt. Niemand will wirklich in diese Welt. Doch in dem Zwang sie betreten zu müssen, in Folge von Handlungen anderer, ist des Seins tiefer und geheimer Sinn. Hierbei spielt es keine Rolle, ob Sie später die Welt als per se gut und lediglich ein wenig mangelbehaftet empfinden, oder ob Sie Ihre Existenz unentwegt verfluchen, als eine Strafe für Dinge, die sich Ihnen nicht offenbaren. Beides ist falsch und das Rätsel besteht darin, den scheinbaren Nachteil des kalten, schmucklosen Geburtszimmers zu einem Vorteil zu wandeln. Dafür kriegen Sie 70 oder 80 Jahre Zeit. Manche viel weniger. Manche mehr.

Eine lange Zeit, die ausreichen sollte. Doch es zeigt sich unverhüllt und unverschämt: des Menschen Wesen liegt im Zwang, nicht in der Freiheit. Freiheit ist eine Idee, die umgesetzt werden kann. Darin zu versagen ist die Regel, nicht die Ausnahme. Und so bleibt der Mensch ein Träumer. Der Geist träumt von Freiheit und die Seele geniesst ihren ersehnten Zwang.

Das ist der Augenblick, an dem die Schriftsteller und Filmemacher die Bühne betreten. Die Geschichtenerzähler und die Minnesänger. Die Brückenbauer des Verstehens, des Ahnens und der Sehnsucht.