Samstag, 23. Mai 2009

Der verbotssüchtige Planet

Ich habe jetzt so ein neumodisches Mobiltelefon mit vielen Tasten und breitem Display. Ich kann damit Nachrichten downloaden und eMails schreiben. Woran liegt es, dass die großen Science-Fiction-Autoren der Goldenen Ära in den Vierziegern, Fünfzigern und Sechzigern alles nur Erdenkliche in die Zukunft projiziert haben, doch kaum einer von ihnen sah Handys, Palmpilots und Notebooks voraus?

Wie auch immer - mein Handy kann auch News downloaden und so lese ich jetzt von den Bemühungen der Bundesregierung, Paintball zu verbieten.

Vorweg: ich denke die Science-Fiction-Schriftsteller hatten die Handys aus verschiedenen Gründen nicht vorausgesehen. Erstens waren die meisten von ihnen Optimisten, die gerade den Zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht haben und der Zukunft hoffnungsvoll und technologiebegeistert entgegenblickten. In so einer Stimmung phantasiert man nur nützliche futuristische Objekte und nicht ein werbeverseuchtes Stück Plastik, von dem du belanglose 140 Zeichen lange Textnachrichten darüber absenden kannst, in welchem Regal eines Supermarkts du gerade stehst. Ein SciFi-Autor ist meistens bemüht, der Zukunft eine Art von historischer Bedeutung zu verleihen. Die darin vorkommenden Objekte sind wichtig und demonstrieren Effizienz. Niemand hatte damals von diesen Autoren erwartet, dass sie sich belanglose, infantile Spielzeuge ausdenken. Wie tragisch, dass sie gerade damit den Zeitgeist der Zukunft perfekt getroffen hätten.

In diesem Zeitgeist schwebt sicherlich auch Paintball. Aber obwohl selbst kaum interessiert, sehe ich darin doch archaische Züge, die aus einer Gesellschaft zu tilgen, vermutlich einer Kastration gleichkäme. Ich behaupte, es gab schon immer Paintball - in anderen Permutationen und in anderen Zeitaltern. Antike, Mittelalter. Und oft gab es - im Gegenteil zu heute - keine Helmpflicht.

Falls ich da richtig unterrichtet bin, wurde das Verbot von der regierenden Parteikoalition angestrebt, nicht explizit von der Regierung - was für einen Unterschied das auch machen mag. Das Verbot wird ja inzwischen als gescheitert eingestuft. Es kam nach dem Amoklauf von Winnenden auf die Tagesordnung - was ein bereits vertrauter Mechanismus ist. Nach jeder schrecklichen Tat solchen Ausmaßes suchen alle nach Antworten und Begründungen - und der erste Ort zu suchen, ist stets die Biographie des Täters.

Dass derartige Untersuchungen verstörte Charaktere und psychotische Verhaltensmuster offenlegen, ist unbestritten. Aber das Verbieten von irgendwelchen Subkulturen ist hierbei deshalb der falsche Weg, weil Verbote meistens nur die Nachfrage anheizen. Man würde meinen, studierte Beamte (aka Politiker) wüßten das nach Jahrzehnte und Jahrhunderte langen Erfahrung langsam.

Ich bin nicht generell gegen Verbote, so wie ich nicht gegen Interventionen bin. Und ein Verbot ist in erster Linie eine Intervention.

Schließlich bin ich ja dafür, dass zum Beispiel Kinderpornographie verboten ist und ich habe durchaus den Glauben, dass dank der Gesetzeslage die Situation hierzulande besser ist, als sie es ohne die entsprenden Gesetze wäre.

Beim Verbot von Paintball glaube ich allerdings nicht an einen positiven Erfolg. Nur einige Kilometer hinter der Grenze zu Tschechien gibt es riesige Paintball- und Gotcha-Anlagen. In einigen kann man auch mal in einer Waffen-SS-Uniform herumtollen. Durch Verbote treibt man diesen Betreibern eine radikalisierbare Kundschaft in die Arme.

Ein Verbot ist stets eine Einschränkung der Freiheit. So simpel ist es. Doch eine grenzenlose Freiheit ist eine Illusion - zumindest so lange man eine soziale Struktur aufrecht erhalten möchte.

Ich könnte mit dem Verbot von Paintball leben. Doch dann erwarte ich auch, dass mit dem Verbot der "Verbietende" (aka "Staat") eine halbwegs glaubwürdige Garantie übernimmt, die Vorgänge, deren Ursachen da nun verboten werden sollen, auch wirklich zu vermeiden.

Doch kein Politiker würde dieses Abkommen direkt mit dem Volk treffen. Denn sie alle wissen, dass sie nach einem Verbot das Ausbleiben einer Folgetat nicht garantieren können. Sogar sie wissen, dass es da keinen echten Zusammenhang gibt und dass wieder einmal alles nur gelogen war.

Schließlich ist es eine alte Tradition vieler Politiker und Staatsmänner, die selbst kein brauchbares und originelles Konzept auf der Agenda haben, einfach etwas subkulturelles zu finden, dessen Verbot sie dann anstreben.

Oder glaubt jemand, Cannabis wurde deshalb verboten, weil die Straßen, Krankenhäuser und öffentliche Toiletten sich plötzlich mit toten Kiffern überhäuften?

Verbotswellen sind stets ein Ausdruck für die Infantilisierung einer Gesellschaft. Und ein Beweis dafür, dass wir darin versagt haben, eine Lösung an der Ursache des Problems zu finden. Da wir das Gefühl haben, dass es uns nicht gelingt, einem kleinen Kind alle Konsequenzen einer Handlung verständlich zu machen, sprechen wir ihm gegenüber radikale und imperative Verbote aus. Sehr oft in dem Geist eines späteren Verständnisses. Es ist eine typische Formulierung: "Eines Tages wirst du es verstehen und mir noch danken."

Mit der Politik und der Gesetzesgebung ist es ein wenig anders. Hier werden Verbote verabschiedet in der unausgesprochenen Formulierung: "Bald werdet ihr eh vergessen haben, warum wir es eigentlich verboten haben. Aber das ist egal, denn dann ist unsere Legislaturperiode ohnehin vorbei."